DAS TOR ZU DEN TAUSENDEN
KONZERT: In der Schweiz_Das Tor zu den Tausenden von Metin und Kemal KAHRAMAN
Ç ê v e r ê H a z a r u // Das Tor zu den Tausenden // Binler Kapısı
Das Alevitentum ist ein auf Zaza, Kurdisch und Türkisch mündlich
überliefertes Glaubenssystem, das als ein altertümlicher Weg des Iqrar (Verkündung)
bezeichnet werden kann. Mit der Verschriftlichung von Geschichte, insbesondere
seit dem letzten Jahrhundert, in deren Verlauf einzig das geschriebene Wort und
schriftliche Dokument „wissenschaftliche“ Relevanz erlangte, wurden die mündlich
überlieferten alevitischen Lehrsätze und Weisheiten zunehmend als „unzuverlässig“
angezweifelt.
Selbst wissenschaftliche Ansätze betrachteten das Alevitentum überwiegend als
eine „eklektische“, „synkretistische“ oder „heterodoxe“ Glaubensrichtung, in der
verschiedenste kulturelle und religiöse Einflüsse zusammengewürfelt seien - eine
Art folkloristisches Sammelsurium. Da das Alevitentum sich nicht auf eine
schriftliche Quelle beruft, wurde ihm eine eigene systematische Konzeption der
Welt, des Universums, des Menschen, Gottes, der Zeit, des Raums und der
Entstehung abgesprochen. Es bestehe lediglich aus Einflüssen der Religionen und
Kulturen, denen es mit der Zeit begegnet war, welche wiederum in unbestimmter
Weise das Alevitentum geprägt hätten.
Kaum jemand hat bisher die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass sowohl das
mündlich überlieferte Wissen und die Formen der Ausübung des Alevitentums als
auch seine Konzeptionen von Zeit und sein Gebetskalender einen eigenen
systematischen und einheitlichen Bedeutungszusammenhang darstellen könnten.
Ebenso wenig hat man sich die Mühe gemacht, dieses mündliche Erbe, das durch das
gesprochene Wort in Gedichten und melodischen Epen bewahrt und überliefert wurde,
als den Ausgangspunkt zu nehmen, um schriftliche Quellen einmal aus dieser
Perspektive zu analysieren. Wenn überhaupt das gesprochene Wort zu Grunde gelegt
wurde, dann nur der Anteil des alevitischen Erbes, der in türkischer Sprache
existiert. Dieser wurde dann der türkischen mündlichen Überlieferungstradition
als eine folkloristische Bereicherung zugeschrieben. Analytische
Auseinandersetzungen mit dieser Kultur haben oft die Haltung „was für unsere
Ohren verständlich ist, gehört uns, der Rest kann von denjenigen beansprucht
werden, die darin einen Wert sehen“ offen gelegt.
Dabei hätte eine umfassende Analyse sehr wohl aufzeigen können, dass die
mündliche Tradition des Alevitentums in all seinen Sprachen (Türkisch, Kurdisch,
Zaza), mit seinen Gedichten, Sprichwörtern, Legenden, mythologischen Erzählungen,
Gebeten und den ihnen zugrunde liegenden Konzepten, Symbolen und Praktiken nicht
nur ein Medium ist, das das Alevitentum bis heute am Leben erhielt; vielmehr
stellt sie weitergehend eine Methode des Verstehens und Erklärens dar. Was die
alevitische mündliche Literatur transportiert, sind nicht lediglich Beispiele
von tradierten Erzählungen und Gedichten, sondern sie stellen mit ihrer Sinnwelt,
Begrifflichkeit, Symbolik und ihren Erklärungen historische und
ideengeschichtliche Dokumente dar, die in ihrer Gesamtheit einen systematischen
Bedeutungszusammenhang bilden. Es bietet sich an, die Quellen und Bezugspunkte
der verschriftlichten Tradition aus dieser Perspektive erneut zu betrachten.
Unser Album „Çeveré Hazaru / Das Tor zu den Tausenden“ baut auf
traditionellen Werken des mündlichen Erbes des Kizilbasch-Alevitischen
Glaubensweges auf, welches sich insbesondere in der kulturellen Region Dersims
entfaltete bzw. entwickelte.
Vorneweg ist zu sagen, dass das mündliche Erbe dieser Region mit der Sinnwelt,
die es vermittelt, bis heute vernachlässigt und ignoriert wurde. Der besondere
Stellenwert Dersims liegt nicht nur daran, dass sie flächenmäßig die höchste
alevitische Einwohnerzahl birgt, sondern vor allem daran, dass hier die
führenden heiligen Familien und Stämme (seyid ocakları) beheimatet sind, z.B.
Kureşan, Bomesuran, Dewres, Cemalan, Sey Sabunan, Dewres Gewran, Agucan, Sarı
Saltık. Diese Stämme gehören verschiedenen ethno-linguistischen Gruppen an. Sie
stellen die wichtigsten Instanzen für die Lehre des Alevitentums dar.
Die kulturell vielfältige Landschaft Dersims, in der die Pir (religiöse Führer)
von Dorf zu Dorf ziehend die alevitische Lehre in der Sprache der jeweiligen
Gemeinde entweder auf Zaza, Kurdisch oder Türkisch verbreiteten, stellt der
Nährboden für die Entwicklung und Bewahrung der alevitischen mündlichen
Überlieferungdar.
Die Gründung der Türkischen Republik zog ein nationalistisches
Modernisierungsprojekt nach sich, welches das Alevitentum, insbesondere wenn es
in Kurdisch oder Zaza praktiziert und überliefert wurde, als einen Prozess der
Verleugnung und Zerstörung erlebte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann ein
systematischer Zerstörungsprozess, dessen grausamer Höhepunkt das Dersim
Massaker von 1938 war. Dieser Prozess, der bis heute mit unterschiedlichen
Mitteln in/direkt fortgesetzt wird, führte nicht nur zu einem gravierenden
Verlust des kollektiven Gedächtnisses und Selbstvertrauens in das eigene
mündliche Erbe, sondern verhinderte zudem eine konstruktive Auseinandersetzung
mit dem Alevitentum.
Somit wurde die Möglichkeit untergraben ganzheitliche Antworten zu finden,
die das Alevitentum aus sich selbst heraus in ihrem Sinn- und Begriffssystem
bietet. Diese Erkenntnisse hätten die Religionsgeschichte in ein neues Licht
rücken können. Noch bevor ihr Reichtum verstanden und erforscht werden konnte,
wird der sukzessive Verlust der mündlich tradierten alevitischen Literatur in
Kauf genommen. Eine Folge davon ist die Zerstörung einer authentischen
Lebensgrundlage für dieses Erbe, vor allem für jenen Anteil, der in Zaza und
Kurdisch existiert. Die letzten Zeugen und Träger dieses mündlichen Wissens ist
die Generation, die heute 70 Jahre oder älter ist und die das Dersim Massaker
von 1938 noch erlebte. Bald wird diese letzte Generation nicht mehr am Leben
sein und mit ihr werden Elemente eines kulturellen Erbes von vielleicht
tausenden Jahren begraben werden.
In Anbetracht dieser Umstände war und ist die wichtigste Motivation für dieses
Album das Erfassen und Dokumentieren der mündlichen Überlieferung der Glaubens-
und Gebetspraktiken von Dersim durch seine eigenen Quellen. Mit einem
ganzheitlichen Blick wollten wir eine Dokumentation schaffen, von der jede/r
Interessierte/r profitieren kann.
Diese Arbeit basiert auf einer Feldstudie, die wir seit mehreren Jahren in
Dersim und seiner Diaspora durchgeführt haben. In den vergangen vier Jahren
haben wir parallel an zwei verschiedenen, aber miteinander verbundenen Alben
gearbeitet, wovon „Çeveré Hazaru“ das erste ist. Für dieses Album haben wir jene
Stücke ausgewählt, die uns am interessantesten erschienen, und sie nach unserem
eigenen musikalischen Verständnis interpretiert. Das zweite Album, das demnächst
unter dem Titel „Dersim’de Dualar, Gulvanglar, Beyitler, Semahlar“ erscheinen
wird, ist eine Zusammenstellung von Originalaufnahmen und Stimmen derjenigen
Älteren aus Dersim, die wir interviewt haben. Dieses Album wird als Doppel CD
mit einem begleitenden Buch mit Übersetzungen und Erklärungen veröffentlicht
werden.
Metin & Kemal Kahraman Juni 2006, Berlin – Istanbul
übersetzung(türkisch-deutsch): Bilgin Ayata
http://bilder25.parsimony.net/forum62148/Cevere-Hazaru.jpg
(Programı görmek için Linki tıklayınız: Seveta programi Bıtıkne!)
Mehr Information: Hier klicken sie für program details.
Cevaplar:
KONSER: Ç ê v e r ê H a z a r u // Binler Kapısı
(aktarama)
26.4.2007 21:55 (0)