Johannes
Düchting
1997 jährt sich zum sechzigsten Mal der Aufstand der
Kurden in der Region Dersim, der letzte und größte der
kurdischen Aufstände der ersten Hälfte dieses
Jahrhunderts, in denen das kurdische Volk in der Türkei
sich gegen die Unterdrückung durch den kemalistischen
Staat erhob. In Europa, wo damals die Aufmerksamkeit auf
die faschistischen Regime in Deutschland, Italien und
Spanien gerichtet war, blieb der Freiheitskampf der
Kurden und seine blutige Niederwerfung Æweit hinten in
der Türkei" nahezu unbemerkt.
Nach dem Ersten Weltkrieg hatten in Europa und im
Vorderen Orient eine Reihe von Völkern des
Österreichisch-Ungarischen und des Osmanischen Reiches
ihre Unabhängigkeit erlangt und einen eigenen
Nationalstaat gründen können. Kurdische Hoffnungen,
ebenfalls einen Nationalstaat bilden zu können, gingen
allerdings nicht in Erfüllung. Im Artikel 64 des
Abkommens von Sèvres vom 10. August 1920 hatte es zwar
noch geheißen:
ÆWenn das ... kurdische Volk bzw. das in den obigen
Gebieten die Mehrheit bildende Volk innerhalb eines
Jahres ... den Wunsch äußert, sich von der Türkei zu
trennen und gänzlich unabhängig sein möchte ... und der
Völkerbund zu der Überzeugung gelangt, daß dieses Volk
in der Lage ist, diesen Unabhängigkeitswunsch zu
verwirklichen, und seine entsprechenden Empfehlungen
ausspricht, wird sich die Türkei verpflichten, dieser
Empfehlung nachzukommen und auf alle ihre Rechte und
Privilegien in diesem Gebiet verzichten." zitiert nach:
Sahin, Mukaddes, Kurdistan vor der Neuaufteilung; in:
medico international / KOMKAR (Hrsg.), Kurdistan
zwischen Aufstand und Völkermord, Köln 1991, Seiten 26 f
Bereits das Abkommen von Lausanne vom 23. Juli 1923
teilte Kurdistan auf den Iran, den Irak, die Türkei und
Syrien auf und sah nicht einmal mehr eine Autonomie für
die Kurden vor.
Die republikanische Türkei unter Mustafa Kemal
Atatürk unterdrückte von ihrer Gründung an die Kurden
und ihre Kultur. Grundlage des neuen türkischen Staates
wurde eine Staatsdoktrin, die eine Legierung aus
nationalistischen, etatistischen und populistischen
Elementen war und die in den kommenden Jahren auch bei
den europäischen Faschisten und deutschen
Nationalsozialisten Vorbildcharakter haben sollte. Schon
wenige Monate nach Unterzeichnung des Lausanner
Vertrages wurden im Frühjahr 1924 der Gebrauch des
Kurdischen als Amtssprache und alle kurdischen Schulen,
Vereinigungen und Publikationen verboten. Die Dorfnamen
in Kurdistan wurden zu 90% türkisiert, ohne daß die
Änderung den Einwohnern überhaupt mitgeteilt wurde. Das
türkische Parlament, in dem immerhin noch 72 Ækurdische
Repräsentanten" vertreten waren, wurde aufgelöst.
Zahlreiche Aufstände - zugleich Folge der türkischen
Politik und Anlaß für immer neue und rigidere
Verfolgungsmaßnahmen gegen die Kurden - prägten die
Geschichte Kurdistans in den nächsten Jahren.
Am 14. Juni 1934 wurde ein Gesetz erlassen, das die
Umsiedlung der Kurden in den Westen der anatolischen
Halbinsel und deren Assimilierung legalisierte. Die
kurdische Bevölkerung sollte über ganz Anatolien
zerstreut werden, in keiner Stadt sollten mehr als 10 %
Kurden leben dürfen. Selbst die Vertreibung der Kurden
aus der Türkei in andere Staaten, wie man es bei der
griechischen Bevölkerung Anatoliens bereits einmal
exerziert hatte, wurde gesetzlich vorgesehen. An die
Stelle der vertriebenen Kurden sollten türkische Siedler
rücken.
Wörtlich hieß es in dem Gesetz:
Ƨ 9: Zigeuner und nichttürkische Nomadenstämme, die
die türkische Staatsbürgerschaft haben, werden in den
Regionen angesiedelt, in denen die türkische Kultur sehr
stark verbreitet ist, jedoch nur in kleinen Gruppen.
Wenn es die Sicherheit des Landes erfordert, können sie
aus der Türkei ausgewiesen werden.
§11: a) Diejenigen, deren Muttersprache nicht
Türkisch ist, dürfen nicht wieder gemeinsam in einem
Dorf oder Stadtviertel angesiedelt werden; sie dürfen
keine Arbeiter- oder Handwerkerorganisationen bilden und
ihre Nachkommen nicht in ihren Berufen ausbilden; ihre
Nachkommen dürfen außerdem nicht in die Herkunftsdörfer
und -stadtviertel ihrer Vorfahren zurückkehren.
b) Personen ohne Bezug zur türkischen Kultur sowie
Personen mit Bezug zur türkischen Kultur aber mit
anderer Muttersprache, können jederzeit auf Anweisung
des Innenministeriums aus kulturellen, militärischen,
politischen, sozialen oder sicherheitstechnischen
Gründen umgesiedelt werden." Gesetz Nr. 2510, vom
14.06.1934; zitiert nach: Franz, Erhard, Population
Policy in Turkey, Hamburg, 1994, Seiten 229, 236 und
Baran, Ute, Deportationen: ÆTunceli Kanunlari", in:
Initiative Menschenrechte in Kurdistan (Hrsg.),
Internationale Konferenz - Menschenrechte in Kurdistan,
Bremen 1989, Seite 116>
In dem Siedlungsgesetz wurde das Staatsgebiet der
Türkei für die Assimilationspolitik in vier Zonen
eingeteilt und bestimmt, in welcher Dosierung jeweils
Æzu türkisierende Bevölkerungsteile" a n g e s i e -
delt werden sollten:
- die erste Zone umfaßte die Regionen, in denen die
Dichte der Bevölkerung gesteigert werden sollte, die der
türkischen Kultur zugerechnet werden konnte;
- die zweite Zone beinhaltete die Gebiete, deren
Bevölkerung an die türkische Kultur assimiliert werden
sollte;
- die dritte Zone (die fruchtbarsten kurdischen
Gebiete) umfaßte die Territorien, in denen sich frei und
ohne die Hilfe der Behörden Siedler türkischer Herkunft
niederlassen durften;
- die vierte Zone (die unzugänglichen kurdischen
Gebiete, vornehmlich die Bergregionen) beinhaltete die
Regionen, die gänzlich entvölkert werden sollten und
deren Bevölkerung zwangsevakuiert werden sollte.
Die Region Dersim hatte während des Osmanischen
Reiches immer eine gewisse Autonomie bewahrt. Deshalb
und weil man sich wegen der alewitischen Religion und
der Tatsache, daß man sich wegen des Gebrauchs des Zaza
auch sprachlich von anderen Kurden unterschied, hatte
sich in der Region ein starkes regionales
Selbstbewußtsein ent-wickelt. Die Einwohner Dersims
hatten sich weder an den Hamidiye-Regimentern (einer Art
Æosmanischer Dorfschützer") noch am Ersten Weltkrieg
oder dem türkischen ÆUnabhängigkeitskrieg" beteiligt.
Schon im Jahre 1916 hatten sich aus der Befürchtung
heraus, die alewitisichen Zaza-Kurden erwarte ein
ähnliches Schicksal wie die Armenier, die in den Jahren
zuvor fast gänzlich Opfer eines Völkermordes geworden
waren, bei Düzgün Baba , einem heiligen Ort der Alewiten,
einige Stämme zu einem Aufstand verabredet, der aber von
den osmanischen Truppen rasch niedergeschlagen worden.
Trotz der Tatsache, daß die Kurden aus Dersim den
islamisch-sunnitisch geprägten ersten kurdischen
Aufständen ferngeblieben waren, wurde Dersim von Kemal
Atatürk als Æabstoßendes Krebsgeschwür" bezeichnet
worden, das mit allen Mitteln Æbeseitigt und ausgelöscht"
werden müsse. Die Region gehörte nach dem Gesetz vom 5.
Mai 1932 zu den Gebieten der sog. vierten Zone, die
evakuiert werden sollten. Ende Juni 1935 beschrieb die
Tageszeitung ÆTan", was mit den Einwohnern Dersims
geschehen sollte, nachdem sie über die gesamte Türkei
verteilt worden seien:
ÆDie Menschen von Dersim, die Türken sind, reine
Türken, die aus Horasan gekommen sind, von wo sie vor
Timurleng (Tamerlan) geflohen sind, werden sich mit dem
Rest des türkischen Volkes vermischen." zitiert nach:
Rambout, Lucien; Les Kurdes et le Droit; Paris 1947>
Im Jahre 1936 sollte mit den Deportationen aus Dersim
begonnen werden; deshalb wurde der Belagerungszustand
verhängt und mit dem Bau von Militärstraßen begonnen.
Zur Durchführung der Vorhaben verabschiedete die
türkische Nationalversammlung die sog. ÆTunceli"-Gesetze,
die Anfang 1937 in Kraft traten. Im Bezirk Dersim wurde
durch das Gesetz eine mit Sondervollmachten
ausgestattete Verwaltung eingerichtet, die von der
sonstigen Verwaltung in der Türkei völlig abwich, und in
den Provinzen Dersim, Elazig und Bingöl wurde der
Ausnahmezustand ausgerufen.
Um die kurdische Bevölkerung zur Auswanderung zu
bewegen, wurde sie großem Druck und ständigen Schikanen
ausgesetzt. Unter dem Vorwand, nach versteckten Waffen
zu suchen, wurden ganze Dörfer durchsucht; die dort
lebenden Bauern wurden erniedrigt und entwürdigt und
ihre Ernten zerstört. Über Radio ließ der
Militärgouverneur Abdullah Alpdogan die Bewohner Dersims
auffordern, 200.000 Waffen an die türkischen
Militärbehörden zu übergeben.
Die Vertreibungs- und Unterdrückungsmaßnahmen stießen
aber auf den Widerstand der Bevölkerung, die sich
bislang - nicht zuletzt wegen ihres alewitischen
Glaubens - zumeist nicht an den Aufständen der - in
ihrer Mehrheit kurdischen - Kurden beteiligt hatte. Nach
einem Treffen der Stammesführer in Kürpik unter Führung
von Seyid Riza forderten die Stämme der Region die
Abschaffung der ÆTunceli"-Gesetze und eine
Verwaltungsreform, die ihnen ihre nationalen Rechte
gewährte. Der Kampf begann, nachdem im Juni 1937 ein
paar Polizisten, die nach Waffen suchten, von den
aufgebrachten Dorfbewohnern umgebracht worden waren.
Innerhalb weniger Tage schlossen sich zahlreiche
Bewohner der Region Dersim zu Partisanen-Einheiten
zusammen, die schließlich aus mehr als 80.000 Kämpfern
bestanden. Sämtliche Gendarmeriestationen wurden
angegriffen; es gelang den Aufständischen, die Soldaten
zu vertreiben und die Herrschaft in den ländlichen
Gebieten der gesamten Region Dersim zu übernehmen.
Angriffe auf Mazgirt und Nazimiye scheiterten allerdings.
Als Antwort darauf mobilisierte die türkische Armee alle
Männer im Alter von 26 bis 28 Jahren und zog Truppen in
den Nachbarprovinzen zusammen. Ein kurdisches
Verhandlungsangebot wurde abgelehnt. Die militärischen
Auseinandersetzungen eskalierten nun. Es kam zu
erbitterten Kämpfen zwischen den kurdischen
Widerstandskämpfern und der türkischen Armee. Anders als
bei den bisherigen kurdischen Erhebungen kam es aber
nicht zu Schlachten, in denen sich größere
Truppenverbände gegenüberstanden. Die Bevölkerung wandte
in der gesamten Region die Widerstandstaktik des
Guerillakampfes an. Teilweise in Stämmen, teilweise in
kleineren Gruppen fanden sich die Widerstandskämpfer
zusammen und verteidigten sich, ihre Familien und ihre
Dörfer gegen die türkischen Angriffe. Deshalb konnten
die türkischen Truppen trotz des Einsatzes von
Flugzeugen, Giftgas und Artillerie bis zum Ende des
Sommer 1937 keine großen Erfolge erringen. Es gelang der
türkischen Armee nicht, den Widerstand der ohne jede
äußere Hilfe kämpfenden und gänzlich eingeschlossenen
Bevölkerung zu brechen. Auf der anderen Seite waren die
Verluste der türkischen Armee groß. Mehr als 10.000
Soldaten verloren ihr Leben. Und je geringer die
strategischen Erfolge der Armee waren, desto mehr
steigerten sich die von ihr angewandten Grausamkeiten.
Seitens der türkischen Armee wurden kaum Gefangene
gemacht; wer in türkische Hände fiel, wurde grausam
umgebracht. Frauen und Mädchen ganzer Stämme stürzten
sich von Felsen oder warfen sich in die Schluchten des
Munzur oder anderer Flüsse, um nicht Opfer von
Vergewaltigungen zu werden.
Erst als es den Türken gelang, durch Versprechungen
über materielle Güter und weitgehende Rechte, die dann
später aber nicht eingehalten wurden, eine Reihe von
Aghas zur Zusammenarbeit zu bewegen, wurden die Dörfer
in der Region Dersim eines nach dem anderen erobert und
entvölkert. Der Führer des Aufstandes Seyid Riza wurde
zu Verhandlungen nach Erzincan eingeladen, wobei man ihm
zusagte, die Forderungen der Bevölkerung zu akzeptieren
und der türkischen Armee den Befehl zur Feuereinstellung
zu geben. Als er aber in Erzincan eintraf wurden er und
seine Begleiter am 5. September festgenommen und am 18.
November 1937 mit zehn seiner Gefolgsleuten (darunter
zwei seiner Söhne) in Elazig hingerichtet. Auf dem Weg
zum Galgen soll er die folgenden Worte gesagt haben:
ÆIch bin 75 Jahre alt. Ich werde auf dem Feld der
Ehre fallen. Ich gehe zu den Märtyrern Kurdistans.
Dersim ist unterlegen. Aber die Kurden und Kurdistan
werden fortleben. Nieder mit den Unterdrückern! Nieder
mit den Niederträchtigen und Verlogenen!" zitiert nach:
Bilgin, Sakir; Laßt die Berge unsere Geschichte erzählen;
Frankfurt am Main 1991; Seite 25>
Nach der Hinrichtung wurden die Leichen zur Schau
durch die Stadt gefahren und schließlich verbrannt.
Nichts sollte von dem Führer des Aufstandes übrig
bleiben.
Auch nach der Ermordung Seyid Rizas ging der
Widerstand der Bevölkerung aber weiter. Am 20. November
1937 wandten sich die Bewohner Dersims mit einem
dramatischen Appell an die politische Öffentlichkeit der
Türkei und den Völkerbund:
ÆDie türkische Regierung schließt unsere Schulen,
verbietet den Gebrauch der kurdischen Sprache, läßt die
Worte <> und <> selbst aus
wissenschaftlichen Werken entfernen, wendet barbarische
Methoden an, um Kurden einschließlich Frauen und Mädchen
zur Arbeit an militärischen Bauprojekten in Anatolien zu
zwingen, deportiert die Kurden." zitiert nach: Deschner,
Günther; Saladins Söhne: Die Kurden - das betrogene
Volk; München 1983; Seite 98>
Der Appell stieß aber auf taube Ohren. Die
Weltöffentlichkeit schaute gebannt auf den Bürgerkrieg
in Spanien, die Invasion des faschistischen Italien in
Äthiopien und den chinesisch-japanischen Krieg. Was im
fernen Anatolien geschah, interessierte niemanden. Die
internationale Presse übernahm die türkische Propaganda,
daß es sich bei dem Aufstand des Volkes von Dersim um
eine ÆRebellion gegen Modernisierung, Reform und Bildung"
handle. siehe hierzu: ÆThe Times" vom 16.06.1937 und ÆLe
Monde" vom 18.08.1937 > Auch die Forderung irakischer
Kurdenführer, eine aus Mitgliedern neutraler Staaten
zusammengesetzte Kommission zur Untersuchung der
Situation nach Dersim zu schicken, blieb ungehört. Auch
ein Versuch einer Gruppe Kurden, von Syrien aus in die
Türkei zu gelangen und dort eine Revolte zur
Unterstützung des Aufstandes in Dersim zu initiieren,
scheiterte.
Es war die Absicht der aufständischen Kurden, sich im
Winter 1937/38 in die Berge des Munzur-Gebirges
zurückzuziehen und so den Attacken der türkischen Armee
zu entgehen. Im Frühjahr 1938 sollte eine neue Offensive
beginnen. Man hoffte, daß sich dann auch die kurdische
Bevölkerung anderer Regionen dem Aufstand anschließen
würde. Nicht zuletzt wegen der religiösen und
sprachlichen Differenzen kam es aber zu keinem Bündnis.
Schließlich konnten sogar kurdische Stämme bestochen
werden, sich an der Niederwerfung des Aufstandes zu
beteiligen. Wieder einmal sollte sich die kurdische
Uneinigkeit als verhängnisvoll erweisen.
1938 setzte die türkische Armee über 100.000 Mann in
Dersim ein, um den Aufstand niederzuwerfen. Ort für Ort,
Tal für Tal wurde in der gebirgigen Region erobert. Erst
im Oktober dieses Jahres konnte der letzte Widerstand
der am Ende ohne Waffen lediglich um das nackte Leben
kämpfenden Aufständischen gebrochen werden.
Tausende Kurden wurden während und nach dem Aufstand
Opfer der türkischen Bomben und Granaten; zehntausende
mußten vor der auch mit Giftgas gegen die kurdische
Zivilbevölkerung vorgehenden türkischen Armee fliehen.
Wehrlose Bauern wurden mit Bajonetten niedergestochen;
Kleinkinder wurden in die Luft geworfen und mit
Bajonetten aufgefangen. Zahlreiche Menschen wurden bei
lebendigem Leibe begraben. Gefangene Kurden wurden an
Bächen und Flußläufen exekutiert; das Wasser des Munzur
und Harcik war tagelang blutrot gefärbt. Symptomatisch
für die Vorgehensweise der türkischen Truppen gegen die
kurdische Zivilbevölkerung ist ein Bericht Dr. Nuri
Dersimis über ein Massaker aus einer 1952 erschienenen
Dokumentation über den Aufstand von Dersim. Tal für Tal
hatten türkische Truppen das Tudsik-Gebirge durchkämmt
und die Bevölkerung vor sich hergetrieben.
ÆVor den Bomben und Bordwaffen der Flugzeuge hatten
sich Tausende von Frauen und Kindern in die weitläufige
Höhlen der Hänge versteckt, die seit alters immer wieder
Flüchtenden Unterschlupf boten. Als die Soldaten die
Geflohenen aufgespürt hatten, bewachte man die
Höhleneingänge, bis Baumaterial herangebracht worden
war. Dann wurden die Eingänge zugemauert. Andere Höhlen
wurden mit Gas ausgeräuchert, und die Menschen, die
hinausliefen, machte man mit Bajonetten nieder." Dersimi,
Nuri, Kürdistan Tarihinde Dersim, Aleppo 1952, Seite
381; zitiert nach: Deschner, a.a.O., Seite 99>
Auch die Bevölkerungsteile, die sich nicht an dem
Aufstand beteiligt und an die türkischen Versprechungen
geglaubt hatten, ihnen würde deswegen nichts geschehen,
blieben nicht verschont. Selbst diejenigen, die zu einer
ÆÜbersiedlung" in den Westen Anatoliens bereit waren -
vielen Menschen hatte man dort große Häuser und Reichtum
versprochen -, wurden Opfer des brutalen Vorgehens der
türkischen Armee.
ÆEs sollen 400 Familien gewesen sein, die in dem
kleinen Ort Kiran von den türkischen Soldaten dazu
überredet wurden, aufzugeben und in die Verbannung zu
gehen. Doch was geschah? Alle mußten auf dem Dorfplatz
antreten. Die Frauen und Kinder wurden von den Männern
getrennt. Während man die Frauen und Kinder in Scheunen
einsperrte und sie bei lebendigem Leibe verbrannte,
wurden die Männer der Reihe nach hingerichtet."
Leukefeld, Karin; ÆSolange noch ein Weg ist ..." - Die
Kurden zwischen Verfolgung und Widerstand; Göttingen
1996, Seite 51>
Zwischen 60.000 und 100.000 Kurden Bumke, Peter J.;
The Kurdish Alevis - Boundaries and Perceptions; in:
Andrews, Peter Alford; Ethnic Groups in the Republic of
Turkey; Wiesbaden 1989; Seite 514>, vor allem Zivilisten,
die sich nicht an den Kämpfen beteiligt hatten, wurden
im Zusammenhang mit dem Aufstand von Dersim ermordet;
mehr als 100.000 Menschen wurden nach dem Aufstand aus
der Region Dersim - hauptsächlich in die
Mittelmeer-Regionen - deportiert.
Auch in den folgenden Jahren flohen die Menschen vor
der weiter andauernden Repressionen aus der Region in
die westanatolischen Städte und nach Istanbul. Hier
bauten sie in den Außenbezirken Æüber Nacht" Hütten aus
Pappe und Wellblech; die ersten ÆGecekondus" entstanden.
Manche Familien gaben sogar ihre Kinder fort, damit für
diese besser gesorgt werden konnte.
Selbst die Name der Region und der Stadt wurden
getilgt: die Region Dersim und seine Hauptstadt Mamiki
wurden in ÆTunceli" umbenannt; nichts sollte mehr an die
Kurden erinnern. Die gesamte Region wurde mit
Polizeistationen und Kasernen überzogen. Sämtliche
Verwaltungsaufgaben wurden in die Hände türkischer
Beamter gelagt, die wie Besatzungsmächte auftraten; die
bisherigen Selbstverwaltungs-Strukturen wurden gänzlich
zerstört. Bis 1946 blieb in der Region Dersim das
Ausnahmezustandsrecht in Kraft. Wie ganz Kurdistan wurde
die Provinz bis 1956 zur verbotenen Zone für Ausländer
erklärt.
Jahrelang blieben Dersim und seine Einwohner von
jeglicher Erntwicklung in der Türkei ausgeschlossen.
Osman Mete, ein türkischer Journalist, besuchte im Jahre
1948 Dersim/Tunceli und beschrieb die Stadt so:
ÆIch bin nach Tunceli gefahren. Dies ist das frühere
Dersim. Ich habe diese desolaten und entvölkerten Plätze
besucht. Sie haben noch keine anderen Staatsbeamten
gesehen als den Steuereintreiber und die Gendarmen. ...
Unglücklicherweise ist nichts übriggeblieben von der
Zeit vor der Revolte. Keinerlei Kunsthandwerk mehr,
keine Kultur, kein Handel. ... Keinerlei Strahl der
Zivilisation hat diese Plätze durchdrungen. Keine
Schulen, kein Arzt. Sie wissen nicht, was das Wort
Medikament bedeutet." in der türkischen Zeitung ÆSon
Posta"; zitiert nach: Aziz, Namo; Kurdistan - Menschen,
Geschichte, Kultur; Bonn 1992, Seite 182> Noch 1965 gab
es in Dersim keinen Zahnarzt und keine Apotheke und auf
11.012 Einwohner kam 1 Arzt, während es in der Türkei
2.680 Einwohner waren, die ein Arzt durchschnittlich zu
betreuen hatte.
@AUTOR = Johannes Düchting