
Das Volk der Zazas
In der Türkei leben viele verschiedene Völker. So gibt es Araber,
Armenier, Tschetschenen,Laz, Kurden und viele andere, darunter auch das
Volk der Zazas. Im Osmanischen Reich undinsbesondere in der Türkischen
Republik wurde aber die kulturelle Entwicklung der einzelnen Völker
unterdrückt, den einzelnen Völkern wurde die Kultur und Sprache der
Teilgruppe derTürken aufgezwungen. Die Zazas werden in der Türkei nicht
als eigenständiges Volk anerkannt. Aber sozio- undethnolinguistische
Untersuchungen haben ergeben, dass die Zaza sich von den Kurden,Persern,
Armeniern und Türken unterscheiden. Die Sprache der Zazas gehört zur
indogermanischen Sprachfamilie und ist mit dem Persischen und Kurdischen
verwandt, wie etwa Deutsch mit Englisch oder Dänisch verwandt ist. Der
deutsche Sprachforscher Oskar Mann schrieb im Jahre 1906, "dass die
Sprache der Zaza nicht, wie bis dahin angenommen, ein kurdischer Dialekt,
sondern eine eigenständige Sprache ist.“ Siedlungsgebiet der Zazas Woher
stammen die Zazas? Wo haben sie ihre Heimat? Die Zazas sind in der
Region Dersim beheimatet. Das Gebiet von Dersim liegt geografisch in
Ostanatolien an der Wasserscheide der beiden biblischen Flüsse Euphrat
und Tigris innerhalb der Grenzen der heutigen Türkischen Republik. In
der nachfolgenden Grafik ist das Gebiet Dersims abgebildet: Die
Landschaft Dersims ist gebirgig, teilweise bewaldet und auch teilweise
karstig. Eswechseln sich fruchtbare Niederungen mit viel Grün, reizvolle
Flusswindungen und gebirgiges Ackerland einander ab. Von großer
Wandelbarkeit sind auch die Jahreszeiten. Soblühen im Frühling allerorts
die Bäume, während sich ein duftender Blumenteppich ausbreitet. Die
Sommer sind sehr heiß, aber wegen der Gebirgslage auch trocken und
daherauch angenehm. Die Winter wiederum sind sehr kalt und nicht selten
liegt meterhoher Schnee. Das Leben der meisten Menschen in Dersim ist
entbehrungsreich und hart. Sie sind auf die Landwirtschaft mit ihren
Ackerböden angewiesen, die nur wenig Ertrag abwerfen. Und dochlieben die
Zazas die Landschaft Dersims, die den Menschen soviel abverlangt. Noch
heute fahren sehr viele Zazas, die in Mitteleuropa ihre zweite Heimat
gefunden haben, im Urlaub in die Region Dersim. Völkermord an den Zazas
1937/38 Jedes Volk hat in seiner Geschichte tiefe einschneidende
Ereignisse, die mit bestimmten Jahren verknüpft sind. Für die Deutschen
sind z.B. die Jahre 1914, 1933, 1945 und 1989 vongroßer Bedeutung. Für
uns Zazas ist das Jahr 1938 ein Wendepunkt unserer Geschichte. Dersim
wurde von keiner in der Region herrschenden Dynastien bis in die zweite
Hälfte des19. Jahrhunderts kontrolliert und verwaltet. Denn das Gebiet
Dersims war viel zu unwegsam, als dass eine Kontrolle durch Militär und
Verwaltung zentral hätte aufgebaut werden können.Das Volk der Zazas
gliederte sich in mehrere Stämme mit eigenen Stammesfürsten. Bis 1935/36
blieb die Region Dersim eine autonome Region. Dies war der türkischen
Regierung ein Dorn im Auge. So forderten die Militärs: „Dersim ist das
Geschwür unseres Landes und muss beseitigt werden. Die Menschen, die
dort leben, sind Verräter und Ungläubige.“ Die Angriffe gegen die
Bevölkerung in Dersim wurden systematisch vorbereitet. Eine
telegrafische Anweisung des türkischen Staatsgründers Atatürk lautete,
dass man große Teile der Bevölkerung „kaufen“ solle, genügend Geld sei
ja vorhanden. Es kam schließlich zu einigen Vorfällen zwischen
Einheimischen und den Militärs. So wurdez.B. eine von Soldaten
errichtete Brücke niedergebrannt. Diese Vorfälle wurden vom Militärals
Vorwand benutzt, um hart gegen die Stammesführer und die Zazas
vorzugehen. Sorückten die Soldaten ins Innere Dersims und töteten dabei
systematisch die Bevölkerung und brannten die Dörfer nieder. Einige
Stammesführer, darunter auch der 78-jährige Seyid Riza,leisteten den
türkischen Angriffen Widerstand. Im Winter 1937 zogen sich die Soldaten
wieder zurück. Im Sommer 1938 aber startete das türkische Militär eine
große Offensive. Dabei wurden die Dörfer auch aus der Luftbombardiert.
Die Dörfler wurden zusammengetrieben und mit
Maschinengewehrenniedergemäht. Es gelang den Militärs, auch mit Hilfe
von Bestechungen und falschenVersprechungen den Widerstand der
Stammesführer zu brechen. Der greise Seyid Riza wurde verraten,
verhaftet und ohne Prozess erhängt. Insgesamt wurden bei dem Massaker
70000 Menschen getötet; viele Menschen wurden in die westliche Türkei
deportiert.
Heutige Situation der Zazas
Wie hat sich die ökonomische, politische und soziale Situation der
Zazas seit 1938 entwickelt? Die Bilanz ist ernüchternd: So gehören die
Gebiete der Zazas zu den am stärksten unterentwickelten in der Türkei.
Das Pro-Kopf-Einkommen ist in der Stadt Tunceli und Umgebung sehr viel
niedriger als z.B. in Istanbul oder in den touristisch erschlossenen
Regionen im Süden des Landes. Die Region Dersim ist verkehrs- und
energiepolitisch nurunzureichend entwickelt. Elektrizität wird im Osten
zwar erzeugt, aber in industriellerschlossene westliche Gebiete der
Türkei geleitet. Fehlende Elektrizität, eine mangelhafte
Gesundheitsversorgung, eine unzureichende Trinkwasserversorgung (nur in
einem Drittel der Dörfer) und, was besonders für die Zukunft schwer
wiegt, fehlende Bildungsmöglichkeiten prägen noch heute das Leben der
Landbevölkerung.
Die Region Dersim durchlebte auch nach 1938 schwere und unruhige
Zeiten. In den 70erJahren kam die Studentenbewegung auf, es bildeten
sich viele verschiedene linke Gruppen,die sich z.T. gewaltsam bekämpften.
In den 80er Jahren geriet die Bevölkerung Dersims im Krieg des
türkischen Staates mit derPKK zwischen die Fronten. Die PKK forderte
Nahrungsmittel, Hilfe sowie junge Menschenfür die Guerilla. Das Militär
seinerseits setzte die Bevölkerung unter Druck. Es kam zu Übergriffen
des Militärs, unschuldige Menschen wurden bedroht, verhaftet und
gefoltert, Häuser wurden durchsucht und in Brand gesetzt. In dem Krieg
gegen die PKK wurden die Dörfer systematisch zerstört und die
Dorfbewohner vertrieben. Es wird geschätzt, dass im Verlaufe dieses
Krieges insgesamt 3 bis 5 MillionenMenschen (Kurden, Zazas, Assyrer und
Yeziden) vertrieben wurden und Zuflucht im Westender Türkei, in den
Slums der östlichen Großstädte wie Diyarbakir oder in Westeuropa fanden.
Auch nach dem faktischen Ende des Guerilla-Krieges ist die Situation der
Bevölkerung in Dersim beunruhigend. So besteht nach wie vor in Tunceli
und Umgebung eine starkemilitärische Präsenz mit häufigen
Personenkontrollen. Es ist auch ein riesiger Staudamm inder Region von
Dersim geplant. Dieser würde dazu führen, dass sehr viele Dörfer gegen
denWillen der Menschen evakuiert werden müssten. Wichtige
Wallfahrtsstätten und Kulturschätze wären unwiederbringlich verloren.
Ist das alles? Nicht ganz. Es gibt nämlich in den letzten Jahren einige
wenige Lichtblicke. DenMinderheiten in der Türkei wurden größere
Freiheiten eingeräumt. So sind z.B. Musik undLiteratur in Zazaki, der
Sprache der Zazas, erlaubt - unter Auflagen versteht sich. Dies
führtedazu, dass die Veröffentlichungen von Zaza-Künstlern rasch
zunehmen. Besondere Impulseerfährt die Kultur der Zazas durch die in
Westeuropa lebenden Auswanderer und Künstler, diesich ihrer Heimat noch
besonders verbunden fühlen. Ein großer Erfolg ist auch das seit 2000
stattfindende Munzur-Festival, das alljährlich im August viele Menschen
anzieht. Zu denletzten Konzerten zazasprachiger Sänger strömten in den
vergangenen Jahren 30000 bis50000 Menschen.
Literarische Hinweise An dieser Stelle möchten wir auf zwei
Veröffentlichungen in deutscher Sprache hinweisen,denen die
vorangegangene Darstellung viel verdankt: Hakki Cimen: „Große Narren,
Erzählungen“, 2002 Kahraman Gündüzkanat: „Die Rolle des Bildungswesens
beim Demokratisierungsprozess inder Türkei unter besonderer
Berücksichtigung der Dimli (Kirmanc-, Zaza-) Ethnizität“, Diss,1997
Weitere InformationenDie nachfolgenden Internet-Seiten informieren über
Dersim und die Zazas, wobei angemerktsei, dass die Kulturgemeinde Dersim
e.V. nicht für den Inhalt der Seiten verantwortlich zeichnet:
www.dersimweb.de, www.zazaki.de , www.zazaki-institut.de