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Wir wollen den Damm nicht, niemand will ihn ...


Widerstand gegen die kulturelle Zerstörung durch das GAP Entwicklungsprojekt

Maggie Ronayne / Fakultät für Archäologie an der Irischen Nationaluniversität, Galway, Irland

Krieg und Globalisierung, angeleitet durch die USA, werden nicht nur mit militärischen Mitteln geführt, sondern auch durch Entwicklungsprojekte, die eine große Anzahl von Menschen vertreiben und verheerende Auswirkungen auf Kultur und Umwelt haben.

Ein deutliches Beispiel für ein solches Projekt ist das GAP-Entwicklungsprojekt in der kurdischen Region der Türkei (Nordkurdistan), an dem US-amerikanische, europäische und israelische Betriebe und Regierungen beteiligt sind. Während die USA versuchen im benachbarten Irak Öl, Wasser und andere Ressourcen unter ihre Kontrolle zu bringen, gewinnt das GAP-Projekt an Bedeutung. Ich bin ausgebildete Archäologin, Akademikerin und außerdem auch Aktivistin beim Weltweiten Frauenstreik, einem Netzwerk von Frauenorganisationen der Graswurzelbewegung in mehr als 60 Ländern der Welt, unabhängig von politischen Parteien. Seit 1999 war es Teil meiner akademischen Arbeit, die kulturellen Auswirkungen des Ilisu- und anderer Staudämme im GAP-Projekt zu beobachten. Ich war 2001 und 2004 zu Erkundungsmissionen eingeladen worden. Meine Ausrichtung auf Frauen und die Kulturarbeit, die Frauen leisten, die meine Arbeit als Archäologin und Akademikerin richtunggebend beeinflusst, verdanke ich meiner Beteiligung am Weltweiten Frauenstreik. Im Zusammenhang mit den Staudämmen hat das bedeutet, die Auswirkungen der Dämme auf Frauen und alle unter ihrer Obhut herauszufinden und zu veröffentlichen, weil Frauen eine zentrale Rolle im Überleben der Kultur dieser Region spielen, und weshalb Frauen sich besonders stark gegen diese Projekte stellen. Archäologische Überlegungen unterstützen ihre Einwände gegen die Zerstörung, die durch die Staudämme droht.

 

Dies ist eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse und Empfehlungen meines neuesten Berichtes der Erkundungsmission im August 2004. Ich erforschte die Staudämme, die für das Munzurtal, den Tigris (Ilisu) und den Großen Zap (Hakkari) geplant sind, und ich beziehe mich hier besonders auf die Ergebnisse bezüglich der Staudämme im Munzurtal.

 

Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine offene und faire Konsultation von Frauen, Kindern oder Männern der Regionen, in denen der Bau von Staudämmen im Munzurtal, in Ilisu oder in Hakkari geplant ist, stattgefunden hätte, was die Auswirkungen betrifft. Es fand auch keine Rücksprache mit Gemeinden statt, die schon durch Konflikte aus der Region vertrieben worden waren. Konsultation von Frauen in Bezug auf die Auswirkungen auf alle in ihrer Obhut Stehenden und auf sie selbst scheint in der ganzen Region so gut wie gar nicht stattgefunden zu haben. Es gibt keine Hinweise darauf, dass auch nur eines dieser Projekte kurdische Frauen-, Kultur-, Menschenrechts- und Umweltorganisationen befragt hätte oder Organisationen, die die Menschen vertreten, die von Staatssicherheitskräften während Konflikten in der Region vertrieben worden sind. Es hat auch bisher keine Beratung mit regionalen und/oder lokalen Beamten in Bezug auf die geplanten Staudämme in der Region stattgefunden und dieselben Beamten berichten von unzureichender oder fehlender Konsultation bei Projekten, die schon fertig gestellt sind. Die betroffenen Gemeinden haben keinen Zugriff auf Informationen über die beantragten Staudämme im Munzurtal oder in Hakkari, außer der Information, die sie durch ihre eigene Kampagne herausfinden konnten. Manche der Gemeinden, die vom Ilisudamm betroffen waren, konnten sich durch eine Befragung für das staatliche Umsiedlungsprogramm informieren, aber diese Befragung war unzureichend und unvollständig.

 

Die Munzurdämme

Für das Munzurtal in Tunceli (Dersim) sind acht Dämme und Wasserkraftwerke geplant, die meisten in einer Gegend, die als erste rechtlich als Nationalpark in der Türkei anerkannt worden war und die Heimat mehrer seltener Pflanzen- und Tierarten ist. In der Region Ansässige denken, dass die im nationalen Maßstab geringfügige Elektrizität, die durch die Kraftwerke gewonnen würde, das Netz speisen soll, das schon am Keban-Damm besteht. Es ist weithin bekannt, dass die Keban-, Karayaka- und Atatürk-Reservoire am Euphrat langsam verschlammen, wodurch die Stromerzeugung dieser Kraftwerke, die nie der ansässigen Bevölkerung zugute gekommen ist, gesunken ist. Laut der örtlichen Bevölkerung sind die Gründe für den Bau der Dämme erstens, „um uns aus unserer Wohngegend zu vertreiben”, und zweitens, „um Gewinne für nationale und internationale Betriebe aus Investitionen in hiesiges Wasser und Energie zu bringen”. Laut örtlichen und internationalen NROs wird der Bau der Dämme zwei Milliarden Dollar kosten. Der Kaskadeneffekt, den die Dämme auf den Fluss ausüben würden, ist als effiziente Stromerzeugung in Verruf gebracht worden, während außerdem die kumulativen Auswirkungen der Dämme einen qualitativ und quantitativ ernsteren Effekt auf Gemeinden und ihre Umwelt haben würden.

 

Zwei der Projekte wurden schon gebaut, eines davon, in Uzuncayir, südlich der Stadt Tunceli, ist fast so weit, in Betrieb genommen zu werden. Das Wasserkraftwerk Mercan ist fertig gestellt, aber noch nicht in Betrieb. Andere Dämme sind noch in der Planungsphase und es gibt nicht viel Information über sie. Es scheint, dass noch niemand wegen des Konaktepe-Dammes konsultiert wurde, welcher das andere große Projekt am Fluss ist, mit einer Reservoirfläche von 20 km², einem Wasserkraftwerk und anderen Betrieben. 1998 schlossen die Vereinigten Staaten einen bilateralen Vertrag in Bezug auf Wasserkraftwerke mit der Türkei ab, welcher den US-amerikanischen Betrieben Verträge für neun Dämme, inklusive des Konaktepe-Dammes, sicherte. Es scheint, dass es auch ein US-türkisches Abkommen speziell in Bezug auf die Entwicklung von Wasserressourcen im Munzurtal gibt. Die beteiligten Auslandsbetriebe sind unter anderen die US-Ingenieure Stone and Webster, ein Teil der Shaw-Gruppe, die STRABAG AG (Österreich), VA Tech (Österreich), der Hauptbetrieb im Ilisu-Projekt, welcher indirekt in Konaktepe durch seine US-amerikanischen Tochtergesellschaften VA Tech Voest MCE Corp. und VA Tech Elin USA Corp., die elektrische und mechanische Geräte herstellen, beteiligt ist. Die türkischen Betriebe sind ATA Holdings und Soyak Uluslarasi Insaat ve Yatrim A.S. Die Beteiligung dieser Betriebe bedeutet, dass Anträge höchstwahrscheinlich an europäische und US-amerikanische Kreditfirmen gestellt werden. Ein weiteres Abkommen zwischen der Türkei und den USA von 1998 erwähnte Konaktepe speziell und nahm Bezug auf die Interessen der US-Exportkreditfirma Ex-Im Bank an der Finanzierung solcher Projekte. Es gibt Beweise für Korruption und Entlassung von Arbeitern, die eine Gewerkschaft gründen wollten, in Betrieben, die in der Region Staudämme errichten. Es scheint, dass im ganzen GAP-Projekt beim Bau der Dämme eine ernsthafte Vernachlässigung der Sicherheitsvorkehrungen existiert, und in der Munzurregion besteht erwiesenes Erdbebenrisiko, welche die erbauten Dämme beschädigen könnten und zu einem Desaster für Umwelt und Menschen von unvorhersehbarem Ausmaß führen könnten, das unzählige Menschen in diesen Regionen und weiter flussabwärts betreffen würde.

 

Eines der Hauptprobleme im Munzurtal wäre, laut Einheimischen, dass die Straße durch das Tal den Fluss entlang, hauptsächlich durch das Konaktepe-Reservoir, überschwemmt würde. Das ist nicht nur ein praktisches Problem: Ansässige wiesen auf die lange Geschichte der Verwendung des Flusses als Wegweiser für Reisen durch das Tal hin, wahrscheinlich seit vielen Zehntausenden von Jahren. Die Überflutung der Straßen und Stauung des Flusses würde dem ein Ende setzen und würde die Dörfer und Städte sowohl voneinander als auch vom Stadtzentrum Tunceli abschneiden. Tunceli würde in der Region isoliert und das hätte offensichtliche Konsequenzen für Menschen, die, speziell in Notfällen, zu Krankenhäusern fahren müssen, zum Beispiel, wenn Frauen Probleme während der Geburt haben. Rechtskämpfer für das Munzurtal weisen darauf hin, dass es in einer Region, die ohnehin schon unterbevölkert ist, sehr unwahrscheinlich ist, dass eine Infrastruktur – nicht nur Straßen, sondern auch Schulen und medizinische Einrichtungen – für die verlassenen ländlichen Gebiete bereitgestellt würde, falls die Dämme gebaut würden. Aus diesem Grund würden fast alle die Gegend verlassen, existierende Gemeinden würden auseinander gerissen und Menschen, die schon durch Konflikte vertrieben worden sind, könnten nicht mehr zurückkehren. Menschen in der Region machen sich auch Sorgen wegen Umweltverschmutzung und Klimaveränderung aufgrund der Reservoire und des Verlustes des Lebensunterhaltes durch Fischfang, entweder durch Fischsterben durch Dammbau und Verschmutzung oder durch Kontrolle des Fischens in den Reservoiren. Natürliche Quellen, die ein wichtiger Teil des Natur- und Religionserbes des Tales sind, würden überschwemmt. Menschen würden auch ihren Lebensunterhalt verlieren, den sie am Land entlang des Flusses verdienen, wo sie im Sommer Bienen züchten und ihre Tiere weiden. Das Ausmaß der Auswirkungen auf die Umwelt für den Munzurdamm ist nach wie vor nicht bekannt, aber die meisten dieser Projekte scheinen überhaupt keiner Folgenabschätzung unterzogen worden zu sein, was gegen viele internationale Richtlinien verstößt.

 

Die Dämme würden noch zu den Umweltrisiken hinzukommen, die in dem Tal ohnehin schon als Folge von Krieg und Armut bestehen. Der Fluss ist in Tunceli schon verschmutzt, weil es keine Abwasserkläranlage für die überbevölkerten Nachbarschaften gibt, und der Bürgermeister hat mich wissen lassen, dass das Stadtbudget, das die Zentralregierung ihnen zugeteilt hat, nicht ausreicht, um sanitäre Anlagen oder überhaupt Wohnmöglichkeiten für die durch Krieg aus den Dörfern Vertriebenen zu schaffen. Es erscheint als Ironie, dass es angesichts des Plans der Stauung des Munzur in Tunceli noch immer Probleme mit Fließwasserversorgung gibt und zwei Nachbarschaftsviertel von vertriebenen Familien noch immer nur für ein oder zwei Stunden am Tag Zugang zu Leitungswasser haben; Frauen haben darauf hingewiesen, wie viel Arbeit es für sie ist zu versuchen, mit so wenig Wasser auszukommen oder stattdessen den langen Weg zum Frischwasser zurückzulegen. Ein lokaler Beamter, der nicht namentlich genannt werden wollte, sprach davon, dass das städtische Wasserleitungssystem mit Asbest ausgelegt ist, ein gefährliches Material, das die Menschen langsam vergiftet. Er erwartet, dass viele Menschen in kommenden Jahren an Krebs erkranken werden, aber er wusste nicht, oder wollte nicht sagen, wer entschieden hatte Asbest zu benutzen; er vermutete, dass es verwendet wurde, weil es billiger war.

 

Kulturelle Auswirkungen

Die Anträge, sich mit den Auswirkungen das Ilisudammes auseinander zu setzen, sind wahrheitsgemäß als unzureichend beschrieben worden, aber im Fall des Munzurtales und des Hakkaridammes scheint nicht einmal eine Begutachtung stattgefunden zu haben. Das widerspricht den grundlegendsten archäologischen Standards. Das Reservoir des Ilisudammes würde hunderte urzeitliche Stätten im Tal des oberen Tigris zerstören und es wäre unmöglich, in der Zeit, die der Dammbau benötigt, alle diese Stätten auszugraben und Aufzeichnungen zu machen. Diese Region könnte Informationen von internationaler Bedeutung für das Verständnis unserer menschlichen Ursprünge und das Leben der Neandertaler bergen; die Umgebung war eine der ersten der Welt, in der Gemeinschaften Pflanzen und Tiere domestiziert haben, und sie war eine der Grenzzonen für Weltreiche, inklusive des römischen und des assyrischen Weltreichs. Die Existenz solcher urzeitlichen Stätten in den Regionen von Munzur und Hakkari ist noch nicht erwiesen, aber es gibt Hinweise, dass dort ähnliche Beweise zu finden sind, speziell in Bezug auf eine Schlüsselfrage in der Wissenschaft der Archäologie, die die Beziehung zwischen den ersten modernen Menschen und den Neandertalern betrifft. Jedes der Reservoire, die durch die Dämme geschaffen würden, die untersucht worden sind, würde wichtiges religiöses Erbe überfluten und den spirituellen Praktiken der Gemeinden vieler verschiedener religiöser Traditionen ein Ende setzen. Das beinhaltet auch Stätten, Praktiken und Glaubenssysteme einer Reihe von moslemischen, alevitischen und christlichen Traditionen und die Gemeinden, die betroffen sind, sind viel weiter verstreut als nur die, die noch heute in den Reservoirgebieten leben. Es kann mit Nachdruck gesagt werden, dass das ganze Munzurtal mit seinem Fluss, seinen heiligen Stätten, wie Ana Fatma, und seinen Quellen für viele eine heilige Landschaft darstellt. Die Überflutung dieser Landschaft kann sehr wahrscheinlich als Verstoß gegen die europäischen Menschenrechtsgesetze betrachtet werden, die sich auf die Freiheit der Religionsausübung beziehen.

 

Das jüngere Kulturerbe in den Reservoirgebieten ist vorwiegend kurdisch und im Fall des Munzurtales beinhaltet es zum Beispiel auch armenisches Kulturerbe. Im Fall von Hakkari und Ilisu gibt es sowohl armenisch- als auch assyrisch-christliche Relikte. Teile dieses Erbes liefern Beweise für die Geschichte der Konflikte und der Völkermorde in der Region. Deshalb würde der Bau der Dämme zu einer Säuberung der Vielfalt unser aller Geschichte führen. Das würde es sehr erschweren oder sogar unmöglich machen, jemals die historische Wahrheit über die kulturellen Unterschiede in dieser Region herauszufinden, die so lange verzerrt dargestellt und unterdrückt worden ist. In den Reservoirgebieten befindet sich auch eine Anzahl evakuierter Dörfer, welche physische Beweise für die Dörferzerstörungen in den Konflikten in den 1990er Jahren liefern. Die Hauptforderung der Vertriebenen aus den Dörfern ist die Rückkehr in die Dörfer, aber das ist für viele noch immer unmöglich, wegen Untätigkeit oder Einmischung der Regierung, Sicherheitsoperationen und in mehreren Fällen der Besetzung des Landes und/oder der Häuser der Vertriebenen durch Dorfschützer. Während der Erkundungsmission haben eine Reihe der Befragten Besorgnis geäußert, dass die Reservoirgebiete die Gräber derer beinhalten könnten, die während des Konflikts in den 1990er Jahren „verschwunden” sind. Laut Menschenrechtsanwälten in der Region ist es durchaus angemessen, diese Möglichkeit zu äußern. Eine Überflutung jeglicher möglicher Beweise solcher Gräber ohne unabhängige Untersuchung könnte dazu führen, dass sich die Dammerrichter als Komplizen in der Vertuschung etwaiger Verbrechen erweisen. Aufgrund der bestehenden Sicherheitszustände in der Region ist es sehr unwahrscheinlich, dass ArchäologInnen und andere forensische WissenschafterInnen eine unabhängige Untersuchung vornehmen können, die die Existenz solcher Beweislast bestätigen oder dementieren könnte.

 

Frauen setzen sich am stärksten für das Überleben von Kultur und gegen die kulturelle Zerstörung ein, die die Dämme verursachen würden. Der Grund dafür ist, dass Frauen als Hauptfürsorger der Familie und der Gemeinden am besten in der Lage sind klarzustellen, was Vertreibung und Verlust des Landes bedeuten würden. Frauen sagen, dass es niemals nur eine Frage des Dammes ist, und sie erklären das in Bezug auf die Arbeitslast, die sie in Kriegszeiten leisten müssen, die Konditionen in den Elendsvierteln der Städte, den Verlust von Kindern, Unterernährung, die Auflösung sozialer und kultureller Rahmenbedingungen, die sie durch schwere Arbeit in ihren Heimatdörfern aufgebaut haben. Eine der vertriebenen Frauen hat das so ausgedrückt: „Das Bauen des Dammes bedeutet die Evakuierung des Dorfes mit anderen Mitteln” und „Krieg bedeutet nicht nur jemanden mit einer Waffe zu töten. Wenn du die Bäume abholzt oder eine Kultur tötest, das ist Krieg.” Die effektivste Methode eine Kultur zugrunde zu richten, inklusive des Wissens über die Vergangenheit, ist es, die Menschen zu töten, durch deren Beziehungen und Arbeiten die Kultur überlebt. Obwohl die Arbeit des Gemeinschaftsaufbaus und -erhaltes oft unsichtbar ist und ungeschätzt ist, wird sie hauptsächlich von Frauen geleistet, dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringen, sie aufziehen und sich um sie und alle im Haushalt und im Dorf kümmern. Das ist eines der Hauptmittel des Formens, des Weitergebens, der Verteidigung und der Veränderung von Kultur, überall auf der Welt. In der Tat sind nicht nur individuelle Menschen und Gemeinden, sondern auch die Handlungen und Beziehungen, auf denen sie aufgebaut sind und ihre Kultur, auf diese biologische, manuelle und mentale Arbeit zum Überleben angewiesen. Was ist Kultur ohne diese Arbeit? Innerhalb dieser Beziehungen wird das Wissen, das zum Überleben notwendig ist, entwickelt, verändert und weitergegeben. Dieses Wissen wird durch den erzwungenen Umzug in die Stadt verloren oder wird unbrauchbar, aufgrund all dessen, womit die Frauen nach so einem Umzug zurechtkommen müssen.

 

Widerstand gegen die Dämme

In den betroffenen Gemeinden waren fast alle, sowohl Einzelpersonen als auch Organisationen, die ich kennen gelernt habe, gegen die Dämme. Frauen, die schon durch den Konflikt aus Dörfern im Munzurreservoirgebiet vertrieben worden sind, sind gegen die Dämme und fordern, in ihre Dörfer zurückkehren zu können. Frauen im Dorf Meymuniye im Ilisureservoirgebiet wollen das Dorf nicht wegen des Dammes verlassen, obwohl sie mit dauernden Schikanen und Unterdrückung durch eine Armeestation in ihrem Dorf konfrontiert sind. Sie sagen: „Wir wollen den Damm nicht, niemand will ihn und wir werden das den Behörden weiterhin sagen.” Der Widerstand von Frauen gegen den Damm, ihre Forderung, in ihre Dörfer zurückkehren zu können, aus denen sie vertrieben worden sind, und die Tatsache, dass Frauen vom Staat für spezielle Arten der Unterdrückung wie Vergewaltigung und andere sexuelle Folter anvisiert werden, sollte im Zusammenhang mit ihrer lebenswichtigen Überlebensarbeit gesehen werden. Dammproteste werden überwacht, AktivistInnen werden schikaniert und Schwierigkeiten werden bereitet für Personen, die ihre Meinung sagen oder in der Öffentlichkeit darüber protestieren, was sie an Nachteilen im Dammbau sehen. Protestaktionen gegen die Munzurstaudämme, gut organisiert, waren unter anderem öffentliche und Presseversammlungen, Konferenzen, kulturelle Festivals, Protestmärsche, Menschenketten, Pamphlete, Flugblätter, Forschungsdokumente und Unterschriftenkampagnen. Diese Initiativen werden von einer weiten Palette von politischen, kulturellen, Umwelt-, Frauen- und Menschenrechtsorganisationen mit beschränkten oder ohne finanzielle Mittel organisiert, von denen einige schon existierten um auf die Auswirkungen von Konflikten zu reagieren, andere wurden in Opposition gegen die Dämme und zum Schutz des Kulturerbes des Tales gegründet. Proteste waren generell von großer Polizei- und Militärpräsenz geprägt und sind gefilmt worden. Eine Petition im Jahr 2000 gegen die Dämme brachte 50 000 Unterschriften von Leuten im Tal und von denen, die nach Istanbul ausgewandert waren. Rechtskämpfer haben ihren Fall auch im Ministerium, im Parlament und beim Präsidenten der Türkei vorgebracht. Sie sagen, dass sie eine Steigerung der Protestzahlen erwarten, falls die Beschränkungen des Ausnahmezustands (OHAL) erleichtert werden, aber die Menschen sind noch vorsichtig, weil sie den Eindruck haben, dass das bisher nur auf dem Papier der Fall ist. Letztes Jahr haben etwa 20 000 Menschen am jährlichen Munzur-Festival teilgenommen, wo mehrere Workshops über die Dämme abgehalten wurden, wo aber auch Unterdrückung sichtbar wurde, als die Polizei Protestkundgebende auf einer Brücke einschloss; manche fürchteten Gewaltanwendung durch die Polizei und sprangen von der hohen Brücke ins Wasser, während 15–20 der DemonstrantInnen von der Polizei schwer geschlagen wurden. Rechtsfälle über die Dämme, die von der Munzur-Assoziation und anderen vorgebracht wurden, sind im Gange; viele der RechtskämpferInnen denken, dass das Tal zwar laut vieler Gesetze und UN-Konventionen, wie denen für biologische Vielfalt, geschützt sein sollte, dass aber diese Gesetze in der Türkei nie umgesetzt werden und die Behörden Gerichtsbeschlüsse, die zugunsten der Gemeinden ausfallen, ignorieren. Die türkischen Behörden ändern auch die Gesetze, die dem Schutz des Tales zugute kommen würden, eine Vorgangsweise, die in vielen EU-Ländern gebräuchlich ist; als Folge kann Entwicklung schneller vorangetrieben werden.

 

Schlussfolgerungen

Unterdrückung durch den Staat und tägliche Menschenrechtsverletzungen durch die Sicherheitsbehörden, die sich mit dem erneuten Aufflammen von Konflikten in der Region vermehren, stellen den Hintergrund dar, vor dem Menschen über die Dämme konsultiert werden sollen, und die Zustände, unter denen sie sich organisieren, um sich gegen die Dämme zu stellen. Wenn man die gegebene Situation betrachtet, kann es derzeit kein faires Ergebnis für die Öffentlichkeit in Bezug auf die Projekte geben. Es folgt daraus, dass, obwohl einige rechtliche Reformen in der Türkei gemacht wurden und die Unterdrückung etwas gelockert wurde, doch die Effekte von Ausnahmezustand und erzwungener Armut und eine Kultur der Unterdrückung im Wesentlichen bestehen bleiben. Solange das so bleibt, bereitet das fruchtbaren Boden für die Aufzwingung großer Staudammprojekte.

Die Projekte – im Falle ihrer Verwirklichung – würden eine große Anzahl heimischer und internationaler Gesetze und Standards verletzen oder verletzen sie schon – Standards des Europarates und der EU im Speziellen werden von keinem der Projekte eingehalten. Der Bericht, der hier diskutiert wurde, empfiehlt, dass jede Regierung, die erwägt sich am Munzurtaldamm, Ilisu- oder Hakkaridamm zu beteiligen, ihnen Kredit verweigert. Ihnen Kredit zu geben kann nur zur Erleichterung der Aufrechterhaltung der Unterdrückungskultur im Südosten der Türkei führen, zur Mittäterschaft bei Menschenrechts- und anderen Rechtsverletzungen und zur Verwicklung in Projekte, die in menschlicher, Umwelt- und kultureller Zerstörung von internationaler Bedeutung enden. Eine Anzahl der Dämme zeigt große Implikationen für zukünftige Spannungen und möglicherweise Konflikte in Bezug auf die Kontrolle der Wasserressourcen im Mittleren Osten. Eine weitere Empfehlung dieses Berichtes ist eine unabhängige Untersuchung der Aufzeichnungen und aktuellen Praxis des GAP-Projektes und die ausdrückliche Einschließung einer Untersuchung der Auswirkungen des Projektes auf Frauen und Kinder, sowie auf Männer, in diese Untersuchung – besonders weil vom GAP behauptet wird, dass es Frauen und Kinder priorisiere. Das Miteinbeziehen von fundierten Entscheidungen aller Sektoren der betroffenen Gemeinden muss klar und verpflichtend sein. Es sollte deutlich sein, dass besonders Frauen, aufgrund ihrer Rolle als Fürsorgerinnen der Familien, Gemeinden und der Kultur, vollständig konsultiert werden, dass die Auswirkungen jedes Projektes auf sie genau begutachtet werden und dass sie alles ausdiskutieren und ihre freiwillige und informierte Zustimmung zu den Ergebnissen jeder Befragung und zur Umsetzung eines jeden Projektes geben. In diesem Zusammenhang sollte die Europäische Union in ihrer Begutachtung der Türkei in Hinsicht auf die Fortschritte, die zu einem EU-Beitritt hin gemacht werden, eine Untersuchung mit einbeziehen, die feststellt, ob das GAP-Projekt die EU-Umwelt- und Menschenrechtsstandards einhält, und sollte insbesondere die Auswirkungen des GAP-Projektes auf die kurdischen Gemeinden mit in ihre Beurteilung des kulturrechtlichen Fortschrittes in der Türkei einbeziehen.

 

Danksagungen

Vielen Dank allen Organisationen und einzelnen Frauen, Kindern und Männern in der Türkei, die sich die Zeit genommen haben Treffen zu organisieren, um mich zu lehren und zu informieren, und an Selma James, Koordinatorin des Weltweiten Frauenstreiks für ihre Richtungsweisung und ihre Einsicht in die Arbeit, Gemeinschaft und Kultur von Frauen.

 

Quelle: Kurdistan Raport

Source:www.yxk-online.de





 

 

 

   
 
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